Ich glaube, ich hab ’nen Déjà-vu…

Offenbar sind sich Schauspieler und Trainer&Coaches viel ähnlicher, als ich das bisher für möglich gehalten habe

terrified 20s woman writing on pc on sparse white desk

Ich sitze in der Lobby eines Frankfurter Hotels. Hier findet gerade ein Kongress ausschliesslich für Coaches&Trainer statt.
Es ist mein erster derartiger Kongress und irgendwie hatte ich gedacht meine neuen Kollegen seien doch ganz anders als meine alten Kollegen. Je länger ich hier sitze und das Ganze so beobachte, desto sicherer werde ich dass das nicht stimmt.

Mich beschleicht ganz kurz der Gedanke, dass einige der anwesenden Coaches&Trainer in Wahrheit Schauspieler sind, die nur so tun, als wenn sie Coach oder Trainer wären.
Zum Glück fallen mir dann doch immer wieder Unterschiede auf und das beruhigt mich.

Hier, sehr verknappt, der wichtigste Unterschied:
Der Umgang mit kontroversen Meinungen ist unter Coaches&Trainern angenehm sachlich und unemotional.
(Was ich im Vergleich dazu schon an emotionalen Massakern auf Schauspieler-Veranstaltungen erlebt habe, heilige Sch…)

Und jetzt die Parallelen:

  1. Der Vorwurf  (klang teilweise, als sei die breite Masse der Coaches&Trainer betroffen), sie seien nicht klar in dem zu erkennen, für was sie stehen, sie hätten KEIN klares Profil und würden sich als „Eierlegendewollmilchsau“ geben
  2. Die Abfälligkeit mit der in stillen Ecken über Andere geredet wurde.

Mich bringt diese Beobachtung dazu, über die Gründe für beides nachzudenken und ich stoße auf eine alte Bekannte, die Angst.
Eigentlich sind es zwei spezifische Ängste, die auf jeden Fall unter meinen alten Kollegen, den Schauspielern, und vielleicht ja eben auch unter meinen neuen Kollegen grassieren.
Die eine ist die Existenzangst und die andere die „Angst-entlarvt-zu-werden“.

Die meisten Schauspieler die ich kenne hatten oder haben irgendwann mal ein Variation eines bestimmten Albtraumes geträumt. In dem stehe sie nackt und ohne zu wissen in welchem Stück sie gerade spielen auf der Bühne.
Ein Horror-Traum!
Deutlicher kann die „Angst-entlarvt-zu-werden“ sich nicht zeigen:
Man steht da, bar jeden Schutzes und kann NICHTS tun!
Oft hat diese Angst damit zu tun, dass Schauspieler noch nicht wirklich verstanden haben, wie das funktioniert was sie machen.
Das ist – erstaunlicher Weise – besonders dann schlimm, wenn alles klappt! Denn dann können sie den Erfolg nicht wiederholen, würden es aber so gerne.
Im Laufe der Jahre wird das, danke der gemachten Erfahrung, sicherlich besser. Bemerkenswert ist jedoch, dass es viele Schauspieler gibt, bei denen diese Angst, trotz viel Erfahrung, nie ganz nachlässt.

Und weil es so ein unfassbar unangenehmes Gefühl ist, nicht 100% zu wissen ob das was man macht wieder gelingen wird, versuchen viele Betroffene dieses Gefühl durch die Abwertung Andere zu kompensieren. Denn dann sind sie ja auf jeden Fall mindestens etwas besser als die Verunglimpften und damit schon fast auf der sicheren Seite.
Ich bin mir dieser Behauptung so sicher, weil ich Schauspieler kenne die sich ihrer sicher sind. Solche die ganz entspannt die Fähigkeiten und das Talent anderer Schauspieler sehr gut neben sich oder sogar über sich aushalten können.
Alle anderen müssen kompensieren.
Und das macht eine sehr vergiftete Stimmung…

Die zweite Angst ist noch fieser, weil es um die persönliche Sicherheit geht.
Es ist die Angst davor, dass ich meinen Kühlschrank nicht füllen, bzw. meine Miete nicht zahlen kann und deshalb eines Tages unter der Brücke schlafen muss.
Bei Schauspielern liegt das nahe. Es gehörte quasi schon immer zum Berufsbild dazu, dass es nur relativ wenige schaffen sich mit diesem Beruf ein Vermögen aufzubauen.
Bei Coaches&Trainern ist diese Wahrnehmung neu für mich!

Dass Existenzangst bei beiden Berufsgruppen dazu führt, dass sie bereit sind sich im öffentlichen Auftritt unkenntlich zu machen, finde ich logisch.
Der Irrglaube, dass ich durch eine möglichst breite Aufstellung mehr Gelegenheiten generiere, ist im Marketing für Persönlichkeiten eine tückische Falle!
Sie generiert den „Schauspielerbrei“ und die „Eierlegendewollmilchsau“.

Am „Schauspielerbrei“ läßt sich sehr schön erklären, was da passiert:
Der Markt auf dem sich Schauspieler in Deutschland tummeln ist verdammt klein. Es gibt also eine entsprechend kleine Gruppe an Menschen, die an wichtigen Schnittstellen sitzen und Karrieren möglich machen oder verhindern können. Sie werden Caster genannt, denn sie machen Vorschläge für den Cast (Besetzung) eines Filmes oder einer Serie.
Es sind so wenig Menschen, dass es kein Problem ist sie alle auf einen DinA4 Zettel zu schreiben und zwar unter einander und mit einem doppelten Zeilenabstand.
Sehr überschaubar also!
Dummerweise aber doch so viele Menschen, dass ihre Vorlieben, persönlichen Charakterstärken oder auch -schwächen und ihre Ansichten sehr, sehr verschieden zu sein.
Wenn ich jetzt also Schauspieler bin und genau diese Menschen für mich gewinnen möchte, ist eine logische Strategie es allen recht zu machen
-> und da hätten wir ihn den uniformen „Schauspielerbrei“.

Im Ergebnis sehen sich zum Beispiel sehr, sehr viele Posen auf den Bewerbungsfotos von Schauspielern sich sehr, sehr ähnlich.
Und scheinbar kommt genau das auch unter Trainern&Coaches vor.

Ich gestehe, dass ich seid diesem Kongress immer öfter über Coaches oder Trainer stolpere die so „präzise“ Beschreibungen ihrer Arbeit anwenden, wie „Coach mit Herz“ oder „der Coach der sie bewegt“. Davon gibt es erstaunlich viele.
So wie es aussieht bin ich vom Regen in die Traufe gekommen und was das über mich erzählt, darüber denke ich noch nach…

Da es aber eben wirklich nicht so leicht ist, sich als Persönliche Marke zu positionieren, möchte ich noch eine Geschichte erzählen, die hoffentlich Mut macht den eigenwilligen, eigensinnigen und eigenständigen Weg zu gehen, der eben nötig ist, um als Persönliche Marke sichtbar zu werden:
Eine ehemalige Klientin von mir hatte sich über die Jahre wirklich konsequent allen – auch von mir empfohlenen – Marktoptimierungen verweigert.
Sie ist als Schauspielerin nicht einfach unterzubringen, da sie eindeutig nicht deutsch aussieht.
Bis vor ganz, ganz kurzem bedeutete das, dass die Schauspielerin halt die Kopftuchrollen spielen musste und solche Gelegenheiten gab es vielleicht einmal alle 2 Jahre.
Auch am Theater waren und sind die Chancen sich, als jemand mit ausländischem Aussehen, eine Karriere aufzubauen relativ gering.
Doch meine Klientin hatte eine fachliche Nische entdeckt: sie macht sich als zuverlässige Einspringerin bekannt. So konnte sie sogar einmal die deutscheste aller deutschen Frauenrollen gespielt, nämlich das Gretchen aus dem Faust!

Ihre Strategie sah vor, dass sie sich grundsätzlich keinen Regeln oder Werten unterwerfen würde, als nur ihren eigenen. Und all ihr Handeln war konsequent nach ihren Werten ausgerichtet.
Vor allem im Film-und Fernsehbereich machte sie keine Kompromisse und hat alles nach ihren Werten und Vorstellungen ausgerichtet.
In gewisser Weise war die Ausweglosigkeit der Umstände ein Steigbügel für ihre Konsequenz.

Und dann gab es diese eine Gelegenheit. Man suchte eine Schauspielerin der man zutraute von ganz jung bis ganz alt zu spielen, für eine Rolle deren persönliche Kompromisslosigkeit glaubhaft sein musste. Es ging um eine türkische Geschichte in Deutschland. Und meine ehemalige Klientin bekam ihre Chance!
Heute dreht sie am laufenden Band und scheint eine der nicht-deutsche Schauspielerin zu werden die eine Rolle bekommt, weil sie passt und nicht weil sie anders aussieht…

Sich in aller Konsequenz sichtbar zu machen ist risikoreich und trotzdem so viel erfolgsversprechender, als wenn Du Deinen Ängsten gestattest zu bestimmen, was und wie Du machst, was Du machst!

 

Anna Momber-Heers

Dieser Beitrag würde zuerst auf dem acting for business Blog veröffentlicht.

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